Offener Brief für eine humane Behandlung von abgewiesenen Asylsuchenden

Psychische Gesundheitsfolgen des Nothilfesystems – Offener Brief für eine humane Behandlung von abgewiesenen Asylsuchenden

Am 21. März 2022 ist eine Veranstaltung an der Pädagogischen Hochschule Zürich geplant.

Das Leben als Abgewiesene ist für viele Betroffene ein Dauerstress: Angst vor Strafen, Gefängnis oder Ausschaffung belasten. Für viele Abgewiesene ist eine forcierte Rückkehr in ihre Länder unmöglich. Kaum jemand kehrt freiwillig zurück, es entstehen «Langzeit-Abgewiesene» ohne Perspektive in der Schweiz. Diese Situation belastet und zermürbt viele Betroffene.

Der Psychologe Urs Ruckstuhl, der lange an der Pädagogischen Hochschule Zürich als Berater und Dozent tätig war und seit 2015 pensioniert ist, hat zusammen mit anderen Autor*innen eine Studie zu den psychischen Folgen des Nothilferegimes für abgewiesene Asylsuchende herausgegeben.

Dieser Bericht legt Studien zur Gesundheit von abgewiesenen Geflüchteten vor, dekliniert eine Reihe psychologischer Modelle im Hinblick auf die gesundheitsschädigenden Faktoren und Bedingungen, wie sie auch in den Nothilfelagern (offiziell: Rückreisezentren) gehäuft vorzufinden sind, durch und macht so die menschlichen Kosten dieses Systems sichtbar. Die Bilanz ist niederschmetternd.

Im Anschluss an den Bericht wird, als Antwort auf die staatliche Zermürbungsstrategie, eine Strategie entwickelt, die zur Verbesserung und Humanisierung der Situation der abgewiesenen Asylsuchenden führen kann.

Analyse der sozialen, psychischen und gesundheitlichen (Un-)Zumutbarkeit der Zustände im Nothilferegime

Die Situation in der Nothilfe im Kanton Zürich, insbesondere in den Notunterkünften, ist unhaltbar. Einengung der Bewegungsfreiheit und wiederkehrende Haft, materielle, soziale und psychische Deprivation, Reduktion aller Verwirklichungschancen auf praktisch Null und eine Anhäufung von Risikobedingungen kombinieren sich zu einer staatlichen Zermürbungsstrategie, die schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesundheit der abgewiesenen Asylsuchenden zeitigt.

Als Reaktion auf den Bericht von Dr. Ruckstuhl wurde von verschiedenen Organisationen und Fachpersonen ein offener Brief geschrieben, der von den folgenden Fachpersonen und Institutionen erstunterzeichnet wurde. Der Brief wurde am 16. Februar 2022 an Bundesrät*innen, Sozialdirektor*innen, Kantonsärzt*innen, Migrationsbehörden, Politiker*innen etc. verschickt.

Hier können Sie den offenen Brief auf Deutsch, Französisch und Italienisch herunterladen

Der offene Brief kann von allen Fach- und interessierten weiteren Personen, die sein Anliegen unterstützen, weiterhin unterzeichnet werden. Folgende Personen und Institutionen haben eingewilligt, dass ihre Unterstützung des offenen Briefs veröffentlicht werden darf.

Unterstützende Organisationen

Im Kernteam arbeiten engagierte Personen aus mehreren unterstützenden Organisationen zusammen. Allen Organisationen gemeinsam ist ihr Einsatz für die Würde und Rechte von geflüchteten Menschen.

Diese Organisationen bieten auch weitere Aktivitäten und Projekte an, die das Leben von abgewiesenen Asylsuchenden verbessern möchten.

Im Projekt Kombi bringen wir Menschen, die von einem negativen Asylentscheid betroffen sind und Freiwillige in Zweier- oder Dreierteams zusammen. Bei monatlichen Treffen berichten die Beteiligten über ihre Erfahrungen, dank Vorträgen von Fachpersonen können sie praktisches Wissen erwerben. Das Wissen um Zusammenhänge und Abläufe im Asylwesen unterstützt die Beteiligten und lässt sie handlungsfähiger werden. Die Vernetzung durchbricht die Isolation der Geflüchteten. Wir bilden eine Gemeinschaft.
Menschen mit einem negativen Asylentscheid leben perspektivenlos und isoliert. Die Schweiz hat sie als nicht schutzbedürftig eingestuft, doch aus unterschiedlichen Gründen können sie nicht in ihr Herkunftsland zurückkehren, manchen droht Verfolgung oder Inhaftierung. Ursprünglich als Unterstützungsleistung gedacht, ist das Nothilfesystem in der Schweiz zu einem Druckmittel verkommen. Mit Zermürbungstaktik und Zwangsmassnahmen wird versucht, die Menschen zur Ausreise zu bewegen. Der Preis: Die Grundrechte der betroffenen Männer, Frauen und Kinder werden verletzt.
Mit «Kombi» setzen wir der menschlichen Notlage und der offiziellen politischen Praxis etwas entgegen: Gemeinschaft, Bildung und das Auge der Öffentlichkeit!

Mehr Infos…

Das Kompetenzzentrum für Trauma und Migration bietet vor allem psychische und psychosoziale Gesundheitsprävention für Geflüchtete an. Es wird geleitet von Dr. Fana Asefaw, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, spezialisiert auf Trauma und Migration.

Das Kompetenzzentrum spezialisiert sich primär auf die folgenden Angebote:

  • Es werden niederschwellig und zeitnah Termine für Geflüchtete angeboten, um sie und ihre Ressourcen zu stärken.
  • Im Kompetenzzentrum wird eruiert: inwiefern geht es bei der Klientin oder dem Klienten effektiv um psychische Erkrankung oder eher um psychosoziale Belastungen und Integrationsherausforderungen?
  • Im Falle einer psychischen Symptomatik kann das Kompetenzzentrum zeitnah psychiatrische Interventionen, Therapie und Medikation anbieten.
  • Insofern es sich primär um psychosoziale Belastungen handelt und erst sekundär um eine reaktive psychische und psychosomatische Symptomentwicklung, werden vom Kompetenzzentrum NCBI-Brückenbauer*innen beigezogen, mit denen die notwenige Unterstützung des Klienten oder der Klientin geplant wird.
  • Weiter werden auch die zuständigen Fachpersonen von Ämtern für Migration, Sozialdiensten, KESB, Schulsozialarbeit etc., die für die Geflüchteten Zuständigkeit haben oder anderweitig mit ihnen involviert sind, transkulturell unterstützt und weitergebildet, damit die von den Fachpersonen geplanten Massnahmen und/oder Angebote von den Geflüchteten besser verstanden werden und auch an ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten orientiert werden.

Dieser innovative Ansatz, der psychiatrische und psychotherapeutische sowie transkulturelle Angebote miteinander kombiniert, führt zu einer nachhaltigen gesundheitsfördernden, effektiveren und schnelleren Integration, verhindert Doktorshopping und ist kosteneffektiv.

Mehr Infos…

Persönliche Videostatements von Fachpersonen, die den Offenen Brief unterschrieben haben

Medienbeiträge zum Thema

Diese Beiträge könnten Ihnen auch gefallen