Jüdische Gleichberechtigung: ein Beispiel für die muslimischen und alevitischen Gemeinschaften?

Fotograf: Nabil Ait-Mokthar

Am Sonntag, den 29. Mai 2016, nahmen sich 50 muslimische, alevitische, jüdische und andere Interessierte Zeit für eine Veranstaltung von NCBI Respect, um zuerst die Ausstellung „Schweizer Juden: 150 Jahre Gleichberechtigung“ im Jüdischen Museum der Schweiz in Basel zu besichtigen und um Inspiration aus der Geschichte zu ziehen. Yael Schüler erklärte eindrücklich, wie sehr die jüdischen Gemeinschaften in Basel immer wieder leiden mussten und wie hart die Schweizer Gleichberechtigung trotz verbreitetem Widerstand und nur dank exponierten Persönlichkeiten und auf Druck von ausländischen Handelspartnern erkämpft werden konnte.

Zur Frage, inwiefern verschiedene religiöse Minderheiten in der Schweiz Gleichberechtigung geniessen, folgten anschliessend Kurzreferate von Peter Jossi, Präsident der liberalen Gemeinde Migwan und Vorstandsmitglied der Plattform der Liberalen Juden der Schweiz PLJS,  von Serhad Karatekin, Vorstandsmitglied der Basler Muslim Kommission BMK, und von Mustafa Atici, Grossrat Basel-Stadt und Vertreter des Dachverbands der Aleviten in Basel (Foto). Jossi betonte, dass teilweise vergleichbare Minderheits-, Flucht- und  Migrationserfahrungen das gegenseitige Verständnis der drei Minderheiten fördern und damit zum gesellschaftlichen Frieden beitragen könnten. Er erwähnte, dass über die Jahrhunderte die Situation der religiösen Minderheiten unter muslimisch dominierten Ordnungen in Spanien, Sarajewo oder Istanbul unvergleichbar besser als im christlichen Europa war, gerade auch für die jüdische Gemeinschaft, die schon lange bereit war, die jeweilige Staatsordnung anzuerkennen, falls ein Mindestmass an Ethik und Gerechtigkeit gegeben wäre, nach dem Motto „Dina de Malchuta Dina“.

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Karatekin erklärte, dass die muslimische Gemeinschaft die Anerkennung in Basel anstrebe, diese jedoch zuerst geeignete Strukturen dafür schaffen muss. Die alltägliche Diskriminierung bei der Arbeits- oder Wohnungssuche und die negative mediale Behandlung der muslimischen Minderheit in der Schweiz stellen eine grosse Belastung dar. Dies insbesondere wenn nur Negatives berichtet wird und zwei Jungen internationale Aufmerksamkeit wegen eines relativ kleinen Problems geschenkt wird. Atici betonte seinerseits wie wichtig die Basler Anerkennung für die Aleviten weltweit ist, da sie im Herkunftsland als Religion staatlich nicht akzeptiert werden. Es reiche nicht, Probleme nur zu benennen, wie die „unschöne“ jüdische Geschichte aufzeige. Es brauche jahrelanges intensives Engagement, um vorwärts zu kommen. Basel-Stadt bemühe sich wirksam für die Integration und die religiöse Gleichberechtigung, was nicht bedeute, dass die Situation nicht noch verbessert werden könne. Atici plädierte für einen offenen und direkten Dialog, bei dem auch schwierige Fragen aufgenommen werden.

Es herrschte grosse Einigkeit, dass alle Religionen vor dem Staat demokratisch gleichberechtigt sein sollten. In der Politik wünschten sich viele, dass nicht nur die Landeskirchen – die wie Peter Jossi betonte, auch zu Minderheiten in Basel geworden sind –, sondern auch die anderen Religionsgemeinschaften bei politischen Vernehmlassungen mitsprechen sollten. Einerseits müsste ihre Stellungnahme gefragt werden, andererseits müssen sie sich aktiv einbringen. Dabei kommt die Frage der Ressourcen hoch: den muslimischen und alevitischen Gemeinschaften fehlt ein öffentliches Forum wie „tachles“, wie ein Teilnehmer erwähnte, wo verschiedene soziale, aber auch religiöse Fragen kontrovers debattiert werden können. Mehrere muslimische Beteiligte inklusive dem Imam Gamal Elhawawshi der Basler Moschee Al Ferdaws betonten, der Koran in Wahrheit befürworte, alle Menschen, insbesondere die jüdischen und christlichen als Menschen des Buches, gleich zu akzeptieren.

Fotograf: Nabil Ait-Mokthar

Fotograf: Nabil Ait-Mokthar

Als sich mehrere Anwesende darüber beklagten, dass die Medien nur schlechte und kaum positive Nachrichten über den Islam bringe, erinnerte sich ein Ägypter an seinen ersten Erfahrungen in Europa in der Zeit vor 9/11, als Europa muslimischen Zugewanderten viel offener stand. Es brauche eine breit verteilte, Gratiszeitung mit Stimmen der ignorierten muslimischen Bevölkerug, um ihre Botschaft des Friedens zu verbreiten. Mehrere Musliminnen und Muslime haben sich bereit erklärt, bei der Herausgabe und Verteilung mitzuwirken, die Frage der finanziellen Ressourcen blieb offen. Viele schätzten den Austausch und würden sich auf eine Weiterführung freuen.

Die Veranstaltung wurde vom Programm „Respect: Mulsim- und Judenfeindlichkeit gemeinsam überwinden“ von NCBI National Coalition Building Institute organisiert (www.ncbi.ch/respect). Als nächster Anlass wird am Sonntagabend 19. Juni ein muslimisch-jüdisches Fastenbrechen (Iftar) zusammen mit syrischen Flüchtlingen im Raum Bern geplant. Anmeldung über respect@ncbi.ch.

Ron Halbright, NCBI Schweiz

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