Respect-Einführungsveranstaltung: „Wie in einer Familie müssen auch schwierige Themen angesprochen werden“

„Wie in einer Familie müssen auch schwierige Themen angesprochen werden“: Muslimisch-jüdischer Dialog baut Vorurteile ab, Brücken auf

Am Donnerstag, 27. Oktober 2016, fand in Zürich eine Dialogveranstaltung des Projekts „Respect: Muslim- und Judenfeindlichkeit gemeinsam überwinden“ statt mit rund 40 muslimischen und jüdischen jungen Erwachsenen, darunter Imam Muris Begovic (VIOZ) und Rabbiner Noam Hertig (ICZ).

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zvg Noëmi Knoch

Miteinander – nicht übereinander – zu reden, war das Ziel der Veranstaltung. Organisiert wurde diese vom National Coalition Building Institute (NCBI) in Zusammenarbeit mit der Muslimischen Jugend Schweiz (UMMAH) und mit Unterstützung des muslimischen Jugendraums project {insert} sowie des jüdischen Studentenverbands SUJS. Des Weiteren wird das Projekt „Respect“ unter anderem von der Fachstelle für Rassismusbekämpfung sowie von den jüdischen Dachverbänden SIG und PLJS und vom muslimischen Dachverband VIOZ unterstützt.
Die Studierenden und jungen Berufstätigen aus der Grossregion Zürich, beantworteten die Frage, was sie zur Teilnahme motiviert habe, interessiert, doch etwas zurückhaltend. Man höre viel Negatives über ‚die Anderen‘ und suche hier eine Möglichkeit, voneinander zu lernen. Die sprachlich, kulturell und religiös gemischte Gruppe diskutierte ihre Haltung zur eigenen Religionsgemeinschaft. Rasch wurde klar: „wir haben viel mehr gemeinsam, als wir denken“. Es sei wie der Blick in einen Spiegel. Was die muslimischen Teilnehmenden an ihrer Gemeinschaft (nicht) mochten, haben die jüdischen Teilnehmenden nahezu eins zu eins auf die eigene Gemeinschaft übertragen können. So seien das Familiäre, die Traditionen als positive Aspekte genannt worden, Differenzen und Streitigkeiten innerhalb der eigenen Gemeinschaft, extremistische Haltungen als negative.

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zvg Noëmi Knoch

Auf den Austausch über die eigene Gruppe, folgte eine spannende Reflexion über „die Anderen“, über Assoziationen, welche die Begriffe „Jude“ und „Jüdin“ beziehungsweise „Muslim“ und „Muslimin“ bei den Teilnehmenden hervorriefen: „Jude“, „Jüdin“ – „Perücke“, „Judenlöckli“, „Banker“, „Weltmacht“, „Geldgier“, „schwarze Kleidung“. „Muslim“, „Muslimin“ – „Kopftuch“, „Minarett“, Gewalt“, „IS“, „Bart“, „Schwamendingen“. Offen wurden Vorurteile angesprochen, nachdem eine Teilnehmerin fragte: „Dürfen wir wirklich alles sagen?“ Eine gewisse Skepsis, ob auch wirklich alles gesagt worden sei, blieb jedoch.

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zvg Noëmi Knoch

Fragen wurden in getrennten Gruppen ausformuliert. Darauf folgte eine von Respekt geprägte Diskussion: „Wird viel über Israel/Palästina unter MuslimInnen gesprochen? Was sagt man über das Existenzrecht Israels?“ oder „Was sind eure Gefühle und Gedanken, wenn der Nahost-Konflikt angesprochen wird?“, „Distanzieren sich Juden vom Zionismus?“. Rasch zeigte sich, der Konflikt im Nahen Osten ist in der Diskussion unter muslimischen und jüdischen jungen Erwachsenen präsent, die Informationsquellen, die Wortwahl unterscheiden sich. Einander zuzuhören, mit diesem ‚Import von internationalen Spannungen in die Schweiz‘ umzugehen, ist manchmal gar nicht einfach und dennoch wuchsen gegenseitiges Verständnis und Respekt. Nicht nur Israel/Palästina waren Teil der Diskussion, auch über die Partnerwahl wurde gesprochen, über arrangierte Ehen, über muslimische und jüdische Online-Dating-Portale. Zu guter Letzt stellte sich die Frage: „Ist eine jüdisch-muslimische Koalition innerhalb der Schweiz vorstellbar und machbar?“ Noëmi Knoch, Ko-Workshopleiterin mit Abduselam Halilovic und Nurit Blatman, wies auf die Wichtigkeit des Dialogs und der Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen hin. Sowohl der Austausch auf persönlicher Ebene, wie es Veranstaltungen des Projekts „Respect“ ermöglichen, sei zu nennen, als auch die 2014 initiierte AG Dialog der muslimischen (FIDS, KIOS) und jüdischen (SIG, PLJS) Dachverbände. Auch in gesellschafts-politischen Fragen gebe es viele ähnliche Interessen wie kosher/halal, die Beschneidungsdebatte, das Leben als Minderheit in der Schweiz.

Die zurückhaltende, noch skeptische Stimmung des Anfangs war in der Schlussrunde nicht mehr zu spüren. Trotz der grossen Gruppe seien alle zu Wort gekommen, „ganz anders als an anderen Orten war der Dialog ehrlich und seriös“. Betont wurde, wie wichtig es sei, auch Vorurteile anzusprechen, wie heikel, dass diese nicht bestärkt würden. Imam Muris Begovic lobte: „Es war ein toller Abend, wir sind auf menschlicher Ebene zusammen gekommen und mit gegenseitigem Respekt“. Der Abend wurde verglichen mit einer Familie, in der auch schwierige Themen angesprochen werden. „Wie in einer Familie habe ich mich zwischenmenschlich wohl gefühlt, gewisse Sachen musste ich nicht erklären, z.B. wenn ihr am Beten seid, fühlt es sich normal und gut an – ich selbst muss mich nicht erklären“, so Rabbiner Noam Hertig. Das Vertrauen sei mit einer einzigen Veranstaltung noch nicht perfekt, doch sei der Weg des Dialogs nicht nur möglich und einladend, sondern nötig.

Noëmi Knoch

Save the Dates

  • Veranstaltung für muslimische und jüdische junge Erwachsene mit Imam Muris Begovic und Rabbiner Noam Hertig am Mittwochabend, 23. November 2016, 19.30 Uhr
  • Vertiefungsveranstaltung zum Thema «Angst und Hass oder Brückenbauen» am Montagabend, 5. Dezember 2016, 18.15 Uhr

Für weitere Informationen:

Noëmi Knoch, noemi.Knoch@solnet.ch, 076 204 77 11 – Ko-Koordination Respect, NCBI
Ron Halbright, ron.halbright@ncbi.ch, 076 490 10 50 – Geschäftsleiter NCBI

1 Comment

  • Spannende Veranstaltung. Ich finde es übrigens seltsam, dass der Islam oft sofort mit „Kopftüchern“ in Verbindung gebracht wird, das Judentum hingegen nicht – schließlich tragen auch sehr viele orthodoxe jüdische Frauen Kopftücher, um ihre Haare zu bedecken (weiß nicht, ob das in dieser Veranstaltung erwähnt wurde).

    https://en.wikipedia.org/wiki/Tichel

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