Hintergrundinformationen zum Projekt Respect

Ausgangslage

Es gibt Unkenntnis, Missverständnisse, Vorurteile und Konfliktthemen, welche die Beziehung zwischen den jüdischen und muslimischen (sowie weiteren einheimischen und zugewanderten) Minderheiten in der Schweiz belasten. Als Minderheiten erleben die jüdischen und die muslimischen Bevölkerungsgruppen Vorurteile und Diskriminierung teilweise ähnlich, teilweise unterschiedlich: Beide Gruppen begegnen Missverständnissen und Schwierigkeiten bei der Organisation ihres sozialen und religiösen Lebens in der Schweiz (Anerkennung der Religionsgemeinden, Kauf von Lebensmitteln, die koscher bzw. hallal sind, Friedhöfe usw.) Nichtsdestotrotz gibt es wichtige Unterschiede, die die Bedürfnisse und die Strategien jeder Gruppe prägen.

Multiplikator/innen wie religiöse Schlüsselpersonen, Vereinsleiter/innen, Kulturvermittler/innen, Lehrpersonen, andere engagierte oder öffentliche Personen kommen schnell an ihre Grenzen, wenn heikle Themen zwischen den Minderheiten zur Sprache kommen. Diese Gemeinschaften kennen sich in der Schweiz zu wenig und erleben kaum Austausch, was Vorurteile – insbesondere in der aktuell angespannten Zeit  – verstärken kann. Sie wissen wenig über die oft langen, mehrheitlich positiven Beziehungen zwischen diesen Gemeinschaften in den Herkunftsländern.

Gespräche mit Fachleuten, Jugendlichen und Engagierten legen nahe, dass die Distanz und die Spannungen unter diesen Gemeinschaften in den letzten Jahren gewachsen sind, statistisch lässt sich diese Entwicklung jedoch kaum erfassen.

Es stimmt leider nicht, dass – wer Minderheitserfahrungen gemacht hat – für Vorurteile gegenüber anderen Gruppen sensibilisiert sein muss. Im Gegenteil – allzu oft werden schlechte Erfahrungen (als Opfer von Diskriminierung) durch fehlenden Respekt gegenüber anderen Gruppen kompensiert. Heikele Themen (wie z.B. Nahost-Politik) werden beispielsweise aus Angst vor Konflikt vermieden oder tabuisiert. In kürzlich durchgeführten Workshops für Berufsschulklassen und aus Gesprächen mit Fachpersonen wurde ersichtlich, dass Medienberichte aus dem Ausland (z.B. der Türkei, dem Balkan, Israel oder arabischen Ländern) Meinungen in der Schweiz beeinflussen können. Obwohl sich die Spannungen in weiter Ferne abspielen, werden Parolen hier medial verbreitet. Unabhängig von der persönlichen Haltung, die Multiplikator/innen selber einnehmen, können sie von den muslim- oder judenfeindlichen Meinungen und Aussagen der Jugendlichen herausgefordert oder überfordert werden.

Diese Parolen sind in der Regel undifferenziert und pauschal: Es gebe zu viele Juden/Muslime in der Schweiz, sie hätten zu viel Macht oder seien gefährlich, sie möchten Krieg, würden Menschenrechte nicht respektieren etc.

Es ist wichtig, die Situation sorgfältig zu erfassen und darauf aufbauend zielgerichtet zu handeln. Einerseits zeigt die Chronologie der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus GRA auf, dass es in der Deutschschweiz aktuell wenige gravierende juden- bzw. muslimfeindliche Vorfälle gibt. Diese werden in der Öffentlichkeit – wenn überhaupt – nur kurz zur Kenntnis genommen.

zur Chronologie der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus GRA

Andererseits zeigen Umfragen bei Erwachsenen und Berichte von Fachpersonen, dass juden- bzw. muslimfeindliche Haltungen verbreitet sind. Ein paar Beispiele:

Die Juden- bzw. Muslimfeindlichkeit entsteht medial und in einem Vakuum, weil die meisten Menschen kaum direkten negativen Kontakt mit diesen Minderheiten haben.

Die historische Basis für Verständigung ist stark: Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben jüdische Gemeinschaften unter muslimischen Regierungen – im Gegensatz zur Erfahrung in Europa – in der Regel relative Rechtssicherheit erlebt, weshalb diese Zeit manchmal als ein „goldenes Zeitalter“ der Juden beispielsweise im Ottomanischen Reich (inklusive Türkei, Albanien, Bosnien, Kosovo) bezeichnet wird. (Siehe dazu auch den Text „The righteous muslim“) Erst unter dem Einfluss europäischer bzw. christlicher Judenfeindlichkeit, dann als Folge des arabisch-jüdischen Konfliktes um Palästina/Israel, sind Vorurteile gegen Juden in muslimischen Gemeinschaften stärker verbreitet worden. Gleichzeitig haben die Kriege im Nahen Osten und weitere Angriffe auch in den jüdischen Gemeinschaften zu Ängsten und Vorurteilen gegenüber Muslim/innen geführt, die durch die so genannten „islamistischen“ Angriffe der letzten Jahre noch verstärkt wurden. Diese Entwicklungen strapazieren die gegenseitige Tradition des Respekts.1

zum Text „The righteous muslim“ (2 MB)


1 Die jüdische Tradition der Solidarität mit Minderheiten basiert auf den heiligen Schriften (Torah: 3. Mose 19, 33 – 34): „Wie ein Einheimischer unter euch soll euch der Fremde sein, der bei euch als Fremder wohnt; du sollst ihn lieben wie dich selbst. Denn Fremde seid ihr im Land Ägypten gewesen.“ Auch der Islam respektiert explizit die Rechte der jüdischen Gemeinschaft aufgrund der gemeinsamen religiösen Wurzeln: In der Verfassung von Medina in der Anfangszeit des Islam bekam die jüdische Bevölkerung Rechtssicherheit zugesichert (Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/Constitution_of_Medina — 12.9.11).


Ähnlichkeiten und Unterschiede: „In unseren Namen…“

Um beide Zielgruppen wirksam anzusprechen, kann auf gemeinsamen und unterschiedlichen Erfahrungen aufgebaut. Zugehörige beider Minderheiten erleben es, dass sie durch „ihre Namen“ identifiziert und manchmal deswegen diskriminiert werden. Beide werden pauschalisierend dafür verantworlich gemacht, was – gleich ob Gutes oder Schlechtes – „in ihren Namen“ irgendwo in der Welt gemacht wird. Dies kommt auch im folgenden Text zum Ausdruck, der im Rahmen des Programms „Respect – Muslim- und Judenfeindlichkeit gemeinsam überwinden“ entstanden ist.